Die Geschichte eines berühmten Schiffes ...
Dies ist die Geschichte eines berühmten
Ozeandampfers - eines klassischen "Dampfschiffs", das drei
verschiedene, sehr unterschiedliche und in hohem Maße bemerkenswerte Karrieren
absolvieren konnte, die insgesamt fast vier Jahrzehnte überdauerten. Entworfen und gebaut noch vor Mitte des 20.
Jahrhunderts für das Passagiergeschäft auf dem Nordatlantik, war ihr ursprünglicher
Name SS AMERICA. Während des Zweiten Weltkriegs diente sie ihrer Nation und
ihrem Namensvetter als USS WEST POINT. Als das Flugzeug schließlich die Ozeanriesen als
wichtigstes Verkehrsmittel im Transatlantikverkehr verdrängte, trat sie ihre
zweite Karriere unter neuem Namen an - als SS AUSTRALIS.
Gegen Ende ihrer produktiven Jahre war sie weniger
erfolgreich und verkümmerte später schließlich jahrelang vor Anker in
Griechenland unter einer Reihe neuer Namen, die man heute vergessen kann.
Zuletzt wieder optimistisch umbenannt in SS AMERICAN STAR,
sollte sie nochmals eine neue und damit ihre dritte Karriere antreten als
Hotelschiff in Thailand - doch bevor es dazu kommen konnte, lief sie im Jahre
1994 auf Grund
vor den Kanarischen Inseln ...
SS AMERICA (1940-1941)
Als sie zum ersten Mal in Dienst gestellt wurde, war
die AMERICA wie eine Art Auferstehungsfeier: Nämlich das Wiederauftauchen ihrer
namensgebenden Nation aus den Tiefen der Großen Depression.
Dieses Schiff war Amerikas erster Vorstoß in den Bereich der großen Ozeandampfer.
Es war zwar weder der größte noch der schnellste Dampfer, auch war es nicht
ausgestattet im europäisch beeinflussten großartigen Stil dieser Zeit.
Stattdessen repräsentierte es aber mit seiner Innenausstattung ein modernes zeitgenössisches
amerikanisches Design, das sich in Anmut, Charme und Wärme darstellte und das die
Passagiere immer und immer wieder zurückkommen ließ.
Entworfen und mit großem Aufwand auch widerstandsfähig
genug gebaut für das Wetter im Nordatlantik, verzögerte sich ihr Eintritt in
das Geschäft der Seefahrt um einige Jahre.
Ihr festlicher Stapellauf am 31. August 1939 (siehe Bild rechts; für ausführliche zusätzliche Infos auf die Bilder
klicken) - mit
Taufe durch die First Lady Eleanor Roosevelt im Beisein von über 30.000
Zuschauern - wurde schließlich erheblich dadurch überschattet, dass direkt am
folgenden Tag der Zweite Weltkrieg begann.
Aber die AMERICA war bereits für einen solchen
Einsatz vorbereitet, da die "United States Maritime Commission" ihren
Bau unterstützt hatte und bei ihrem Entwurf bereits ganz bestimmte militärische
Aspekte unauffällig berücksichtigt worden waren.
Diese wurden im
Vertrag als
"Verteidigungsmerkmale" bezeichnet und bestanden vor
allem aus Verstärkungen der Decks an den Stellen, an denen in
Kriegszeiten Luftabwehrgeschütze installiert werden sollten. Etliche der auf
Sicherheit ausgerichteten Eigenschaften (z.B. starke Unterteilung des Rumpfes,
ausgefeilte Brandschutzsysteme, mehrfach vorhandene mechanische und elektrische
Systeme) erwiesen sich später als vorteilhaft, als sie als Truppentransporter
eingesetzt wurde.
Als es schließlich im Sommer 1940 fertig gestellt
war, unternahm das mit Sternen übersäte Schiff eine Reihe von Kreuzfahrten
durch die Karibik; es machte dabei tapfer auf seine Neutralität aufmerksam durch gewaltige
amerikanische Flaggen und seinen Namen - und auch den Namen des Eigners auf beiden
Seiten des glitzernden schwarzen Rumpfes ...
Oberhalb des Rumpfes schlossen sich mehrere Decks
in leuchtendem Weiß an, überragt von zwei hohen, stromlinienförmigen und
einzigartig gestreiften Schornsteinen in Rot, Weiß und Blau. Die Sampan-Schlote
genannten Konstruktionen waren nach den Testfahrten auf See - ohne dass es
irgendwo erwähnt worden wäre - als krönender Abschluss
oben noch eilig um rund viereinhalb Meter erhöht worden, um die Probleme mit der
Russablagerung auf den offenen Passagierdecks zu vermindern. Für viele
verbesserte diese Änderung noch das Aussehen - ließ es damit doch auch ein
leistungsfähiges und viel versprechendes Schiff erkennen.
Weniger leicht erkennbar war dagegen die Tatsache, dass der
vordere Schornstein der AMERICA nur eine Imitation war. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde
die Vielzahl von Schornsteinen auch als Symbol für ein mächtiges Schiff
angesehen. Andere Schiffe
dieser Ära hatten ebenfalls Schornstein-Imitationen.
Die AMERICA war ursprünglich mit
zwei Schornsteinen entworfen worden: Einem richtigen und einem weiteren, der
lediglich den Eindruck der Stärke zu vermitteln hatte und zu einem Gleichgewicht
in der gesamten Erscheinung des Schiffes beitragen sollte. Da er nicht als
echter Schornstein fungieren sollte, stellte diese vordere Imitation nützlichen Platz
zur Verfügung, um dort den Notgenerator des Schiffs und die Reservebatterien
unterzubringen.
"Entworfen von Amerikanern ... gebaut von erfahrenen Amerikanern
mit
Materialien aus praktisch jedem US-Bundesstaat ... gestaltet und ausgestattet
durch führende amerikanische Künstler und Handwerker - die
AMERICA könnte kaum ein mehr "amerikanischeres" Schiff sein oder
besser ausgestattet, um für Sie auf See die gleichen hohen amerikanischen Standards
luxuriösen Komforts und der Leistungsfähigkeit bereit zu stellen, die Sie an Land genießen. Und sobald Sie an Bord sind,
wird Sie dieses großartige Schiff nicht enttäuschen, ungeachtet dessen, wie hoch Ihre Begeisterung
auch angestiegen sein mag. Sie ist das beste Beispiel
moderner Schiffsbaukunst." (Aus einer Broschüre der United States
Lines,
circa 1940).
USS WEST POINT (1941-1946)
Innerhalb von weniger als einem Jahr wurde die AMERICA zum
Militärdienst eingezogen. Sie kehrte im Juni 1941in ihre Ursprungswerft zurück
und gerade mal elf Tage später war sie bereits im Dienst als Schiff der US
Marine. Zu Ehren der Militärakademie des Landes und in Anbetracht ihrer
Bestimmung als Truppentransporter in USS WESTPOINT umbenannt, wurde sie
schließlich dafür eingesetzt, mehr als 8.000 Soldaten pro Fahrt zu transportieren.
Im Jahr 1942 erhielt sie einen Tarnanstrich, der ihre ursprüngliche graue Farbe
ersetzte und ihre ursprüngliche Flugabwehrbewaffnung wurde erheblich erweitert.

Die Oberseite ihrer vorderen Schornstein-Imitation diente auf
bewundernswerte Art und Weise - obwohl eigentlich von ihren Konstrukteuren
unbeabsichtigt - zur Geschützsteuerung und als Ausguck. Im Wesentlichen wie ein stählerner
Schützengraben gestaltet, war sie höher als das "Krähennest", stellte einen ausgezeichneten Platz
dar für die Zielsteuerung der Geschütze und bot von dort aus einen uneingeschränkten
Ausblick über das ganze Schiff.
Liebevoll von ihrer 785-köpfigen Navy-Besatzung als "The Grey
Ghost" ("Der Graue Geist") bezeichnet, dampfte sie insgesamt 436.144 Seemeilen und beförderte über eine
halbe Million Menschen zu und von den Schlachtfeldern rund um die Welt - und das ohne den Verlust
auch nur eines einzigen Soldaten im Rahmen einer kriegerischen Handlung! Die WEST
POINT machte ihre Überfahrten häufig ohne Begleitschutz und lief dabei so
schnell auf ihrem Zickzack-Kurs, dass feindliche U-Boote sie nicht angreifen
konnten und sich sogar ihre eigenen Begleitschiffe schwer taten, mitzuhalten ...
Sie wurde nur knapp verfehlt bei einem Bombenangriff bei Singapur
Anfang 1942. Die WEST POINT verließ in aller Eile diesen Hafen mit über tausend
britischen Zivilisten an Bord und kurz danach wurde die Geburt eines Jungen auf hoher
See gefeiert -
und das genau am Äquator.
Indem er sich zumeist nachts in und aus den Häfen rund um die Welt bewegte,
transportierte "Der Graue Geist" Truppen vieler verbündeter Nationen, darüber
hinaus Zivilpersonal der United Service Organization (USO) und des Roten Kreuzes, Armeekrankenschwester und
Mitglieder des Women´s Army Corps (WACs).
Bei ihren Rückfahrten in die Vereinigten
Staaten hatte das Schiff häufig sowohl verletzte alliierte als auch feindliche
gefangene Soldaten auf seinen Passagierlisten. Und natürlich siegreiche Soldaten
- wie auch eine ganze Reihe von Kriegbräuten - am Ende der
Feindseligkeiten ...
Während des Krieges verkündete der Feind insgesamt sieben Mal, dass er sie
versenkt hätte. Aber am dichtesten war sie daran, als ein Torpedo an ihrem Bug
vorbei lief, während sie Rio de Janeiro verließ und dieser sie nur um einige
Meter verfehlte (eine Entfernung, die bei jeder Erzählung anlässlich von Treffen der WEST POINT
Mannschaft geringer wird
).
Während sie 15 Überfahrten auf dem Pazifik und 41 auf dem Atlantik
absolvierte, hatte die Mannschaft häufig schwerwiegende Wartungsarbeiten und
Reparaturen durchzuführen, Aufgaben also, die normalerweise nur
im Hafen erledigt werden. Und - diese Anerkennung gilt der Mannschaft und ihren Erbauern - sie erlitt
keinen einzigen Totalausfall während dieser gesamten Zeit, in der sie
anstrengende Aufgaben zu erfüllen hatte.
SS AMERICA (1946-1964)
Im Februar 1946 kehrte die WEST POINT an ihren "Geburtsort" zurück und
wurde außer Dienst gestellt. Die Handwerker der Werft Newport News führten eine
Multi-Millionen Dollar Restaurierung an ihr durch, die ihrer
Doppelrolle in Friedenszeiten als "Königin der
amerikanischen Handelsmarine" und gleichzeitig Flaggschiff der United States
Lines gebührte.
Im November 1946 verließ sie die Werft. Einige Verbesserungen waren
erfolgt - so hatte sie nun z.B. Radar im Rahmen ihrer Navigationsausrüstung
erhalten oder eine Erweiterung der Kapazitäten bei der Wasserfilterung. Jedoch
wäre jeder Vorkriegspassagier sehr in Bedrängnis geraten, wenn er irgend etwas
hätte finden sollen, was in den allgemein zugänglichen Bereichen oder in den
Kabinen vollkommen anders gewesen wäre.
Die United States Lines scheuten keinen Aufwand beim Austausch
von Möbeln, Teppichen und Dekorationen, um die genaue Übereinstimmung mit den
ursprünglichen Vorgaben sicher zu stellen. Die Werft Newport News stellte auf
wunderbare Weise ihre Schönheit der Vorkriegszeit wieder her. Pierre Bourdelle
restaurierte akribisch genau die Wandzeichnungen im Speisesaal der Ersten Klasse
entsprechend dem ursprünglichen Zustand. Die 26
lackierten Linoleumverkleidungen, die diesen majestätischen Raum ausmachten, waren seine
krönende Leistung als Künstler.
Der einzige nennenswerte äußerliche Unterschied von 1946 war
zum einen die Entfernung ihrer "Neutralitäts-Kennzeichnungen", die zu
Friedenszeiten nicht mehr benötigt wurden, und zum anderen die zusätzlichen zwei kleinen Radarantennen
an ihrem Vormast. Nach einer ganzen Reihe von Tests auf See erklärte ihr
Kapitän schließlich: "Sie wurde im
Krieg geprüft und getestet, und sie ist besser denn je."
Nachdem sie Ende 1946 majestätisch in ihren Heimathafen in New York eingelaufen
war, machte die AMERICA - endlich - ihre Jungfernfahrt nach Europa. Und von da
an begannen
ihre Ruhmesjahre.
Nachdem sich die Begeisterung über ihre Jungfernfahrt wieder gelegt hatte, nahm
die AMERICA ein Programm von Transatlantik-Überfahrten auf, wobei sie 15-18
Rundfahrten pro Jahr durchführte. Ihre europäischen Hafenbesuche führten sie häufig
nach Bremerhaven. Sie
war der Liebling vieler Reisender, die das alte Sprichwort "Die Reise
allein ist bereits das halbe Vergnügen" - besonders dem Komfort und dem
Stil zuschrieben, die die SS AMERICA ausmachten.
Als sie ihren Dienst bei der United States Line schließlich 1964 beendete, hatte sie 288
Atlantiküberquerungen hinter sich, 2,8 Millionen Seemeilen zurückgelegt und
über 500.000 Passagiere in Friedenszeiten zu ihren Bestimmungsorten transportiert. Sie
war auch der
Geburtsort von zwei weiteren Kindern: 1951 wurde ein Mädchen geboren und 1954 ein Junge,
beide standesgemäß mitten auf hoher See.
Jedes Jahr war sie dabei an ihren "Geburtsort" zurückgekommen für
laufende Wartungsarbeiten, die so genannten "voyage repairs". Jede Ankunft und Abfahrt von ihr erfolgte im Beisein
von Hunderten von Zuschauern, die sich auf einer nahen Uferpassage versammelten,
um sie ausfahren zu sehen - während sie große Dampfwolken ausstieß und man
ihren Bariton hören konnte - aus den doppelten Dampfsirenen, die hoch oben
und innerhalb ihrer rot-weiß-blauen Schlote montiert waren.
Zwischen 1946 und 1964 änderten sich die Dinge erheblich. Im Jahre 1952 erhielt
das Schiff Verstärkung - durch die berühmte SS UNITED STATES. Eine Zeit lang
florierte das Geschäft mit beiden Schiffen und es wurde ein wöchentlicher
Verbindungsdienst zwischen den
Vereinigten Staaten und Europa betrieben. Aber die späten Fünfzigern sowie
der Anfang der sechziger Jahre brachten zwei beunruhigende Veränderungen mit sich:
Auf der einen Seite zunehmende, Kosten treibende und Unterbrechungen
bedingende Forderungen
der maritimen Gewerkschaften, auf der anderen Seite die Aufnahme des Transatlantikverkehrs durch Passagierjets.
Die Reise über den Atlantik war nun schließlich nur noch zweckdienlich und die AMERICA wurde
letztlich entbehrlich ...
Mittlerweile wurden ihre jährlichen Verluste auf Millionen von Dollars
beziffert.
Die Zahl der Passagiere sank und die United States Line nahm wieder Kreuzfahrten
in die Karibik auf bei dem Versuch, sie wieder rentabel zu machen. Im Jahr 1960 wurden
die drei Klassen im Passagierservice auf zwei verringert und die dritte Klasse
vollständig abgeschafft.
Schließlich wurde sie im Jahre 1964 an die Chandris Lines verkauft, die Verträge mit
der britischen Regierung hatte, um im Emigranten Service von England nach Australien
und Neuseeland eingesetzt zu werden. Ironie der Geschichte: Als sie verkauft
wurde, war die AMERICA
an ihrem "Geburtsort" in Virginia vertäut - sie lag dort wieder einmal im Rahmen
ihrer jährlichen Wartungsarbeiten. Sie teilte sich einen Pier mit einem fast
fertigen, gigantischen Flugzeugträger - der USS AMERICA ...
RHMS AUSTRALIS (1964-1977)
An einem besonders trostlosen Tag im November 1964
wurde die Stars and Stripes-Flagge an ihrem Hauptmast eingeholt und ersetzt durch
die griechische Nationalflagge. Der einzige Unterschied, der für die Schar der
wenigen Getreuen sichtbar war, als sie die Werft von Newsport News verließ - was
das letzte Mal gewesen sein sollte - war ein tatsächlich trauriger Anblick: Ihre berühmten
und vertrauten rot-weiß-blauen Schornsteine waren in düsterer Art und Weise
mit dunkelblauer Farbe und schwarzen Kappen bedeckt ...
Und auf diese Art und Weise lief sie aus, die soeben umbenannte SS AUSTRALIS -
oder wie sie auch genannt wurde - "The Australian Maiden". (Anm.
der Red.: In manchen Unterlagen wie z.B.
der Bordzeitung wurde sie auch als The Australian Lady bezeichnet.) Nachdem sie von
der Chandris Line gekauft worden war, stellte sie das größte Fahrgastschiff von
deren Flotte dar - und tatsächlich auch in jeder anderen irgend wie als
Griechisch gekennzeichneten Flotte.
Bevor sie wieder in Dienst gestellt wurde, nahm man an ihr
erhebliche Veränderungen in der Chandris Werft von Piräus vor: Ihre Passagierkapazität
wurde mehr als verdoppelt und auf 2.300 erhöht.
Ihre Aufbauten wurden achtern erweitert und ein außen liegender Swimmingpool
wurde weiter
achtern angebracht, darüber hinaus wurde sie vollständig klimatisiert.
Ihre ursprüngliche '"all-american" Ausstattung blieb dagegen im Wesentlichen
erhalten.
Sie wurde das größte "Ein-Klassen" Fahrgastschiff der Welt. Treffend als
"Australian Maiden" bezeichnet, machte sie sich auf eine Fahrt, die sich als die
erste von insgesamt 62 Kreuzfahrten rund um die Welt zwischen 1965 und 1977
erweisen sollte; der Geist dieser durch Einwanderer gekennzeichneten Nation
spiegelte sich wider in Tausenden von Menschen, die ein neues Leben in der neuen
Welt "down under" suchten.
In der Regel lief die AUSTRALIS alle drei Monate von Southampton
zu den Häfen Australiens und Neuseelands aus. Im Rahmen eines wertvollen und
stark subventionierten Vertrags zum Transport von Migranten mussten ihre
Passagiere zum Teil nur 10 Pfund pro Person für ihr Abenteuer zahlen - im Wesentlichen
eine
sorglose Kreuzfahrt
um mehr als die halbe Welt. Zu derart attraktiven Konditionen fuhr sie zumeist
mit voller Kapazitätsauslastung, mit ganzen Familien, die sich 4- und
6-Bettkabinen auf den Unterdecks teilten.
In politisch ruhigen Zeiten umfassten Reisen nach außerhalb zahlreiche
Stopps im Mittelmeerraum, noch übertroffen von einer Passage durch den
Suezkanal. In
Zeiten internationaler Verwicklungen pflegte die AUSTRALIS um das Kap der guten
Hoffnung vom Atlantik in den indischen Ozean zu fahren, wobei sie häufig in
exotischen Häfen entlang dieser Strecke festmachte.
Nach einer gewissen Zeit wurde ihr Hauptmast entfernt und ersetzt durch einen
etwas linkisch wirkenden Stummelmast, der an ihrem hinteren Schornstein
befestigt war. Später wurde schließlich noch eine "Ofenrohr"artige
Verlängerung auf der Spitze des hinteren Schornsteins angebracht, um zu
verhindern, dass sich ölige Partikel aus den Dampfkesselabgasen im Pool
draußen ablagerten.
Ihr Rumpf, der zuerst weiß angestrichen war, wurde später mit einem Taubengrau
versehen, um ihre ursprünglich schwarze Farbe abzudecken, die nach wie vor
störrisch durchschlug.
Nachdem es seine erwartungsvollen Passagiere in den verschiedenen Häfen der
"neuen Welt" hatte von Bord gehen lassen, nahm das Schiff gewöhnlich
Gelegenheitspassagiere mit zurück über den Pazifik (darunter auch manchmal Leute, die
das Heimweh nach England zurückkehren ließ) - dies alles auf den Spuren der
einstigen Kriegsrouten. Die Rückfahrten beinhalteten aufregende Durchquerungen
des Panamakanals und gelegentliche Besuche von Port Everglades, Florida.
An dieser Stelle fand auch das bemerkenswerte Treffen der Kriegsbesatzung an Bord
"ihres" Schiffes im Jahr 1975 statt, bei dem man den Angehörigen
gerne zeigte, wo einst die eigene Koje war und wo man gegessen und Wache
gestanden hatte.
Unter den Decks schien die Zeit still zu stehen -
festgeschrieben durch etwas, das sich vermutlich dann als die weltgrößte Sammlung
"amerikanischer Moderne" der Vorkriegszeit in Sachen
Kunst und Ausstattung entwickelte.
Die Deckengestaltung der Cocktail Lounge blieb unberührt - verziert mit lebhaften Karikaturen,
die direkt aus dem Magazin New Yorker zu stammen schienen - stellten sie das
Leben auf See in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts dar.
Der ursprüngliche große Ballsaal des Schiffes wurde zwar vergrößert, behielt
aber dennoch seine ursprüngliche Atmosphäre; er wurde in Werbeschriften der
Vorkriegszeit beschrieben als die "dramatischste, prächtigste und funkelndste Räumlichkeit von allen" auf dem Schiff. Ein Wandgemälde mit
einer prächtigen "Zirkusszene" beherrschte das vordere Schott des
Raumes hinter der Showbühne und fügte genau die richtige Note von Festlichkeit
und auch ein wenig Frivolität hinzu.
Im Jahr 1970 brach auf der AUSTRALIS ein größeres Feuer aus, das im Bereich
der Passagierkombüse begann, während das Schiff auf der Überfahrt von Auckland
nach Nuva war (siehe hierzu auch den Bericht
einer damaligen Passagierin im 2. Nachtrag zur "Wracksuche"). Nachdem das Feuer
gelöscht worden war, schlug sich das Schiff zu den Fidji-Inseln durch, wo provisorische Reparaturen
erfolgten und Passagiere von Bord gehen konnten.
Obwohl wieder vollständig repariert, verlor die Australian
Maiden dennoch ein paar Jahre später den begehrten Vertrag, als erneut der Luftverkehr
über die Beförderung auf See triumphierte. Sie lief zum letzten Mal im November
1977 von Southampton
nach Australien aus, dreizehn Jahre nach dem Zeitpunkt, an dem sie
ihren Dienst bei Chandris aufgenommen hatte. Mit Hunderttausenden von weiteren
Seemeilen in ihrem Logbuch und nach der Beförderung von 300.000 Passagieren
wurde die AUSTRALIS schließlich in Neuseeland außer Dienst gestellt.
SS AMERICA (1978)
Gegen Anfang 1978 wurde sie von einer amerikanischen Wagniskapitalgruppe
erworben, die von dem zu dieser Zeit boomenden Geschäft mit den in Mode
gekommenen Kurzrundfahrten ("cruise to nowhere") profitieren wollte. Über den
Panama Kanal nach New York zurückgekehrt, unterzog man sie in Bayonne
einer Inspektion an Rumpf und Maschinen, wobei Marine Gutachter vom ausgezeichneten Zustand dieses 38
Jahre alten Schiffs überrascht waren.
Ihre neuen Eigner entschieden sich, sie wieder in AMERICA
umzubenennen - in der Hoffnung, aus ihrem früheren Ruhm Kapital zu schlagen.
Aber sie scheiterten kläglich an den Kreuzfahrtvorbereitungen und nach zwei
erbärmlichen Versuchen derartiger Fahrten war ihr Renommee als Kreuzfahrtschiff stark beschädigt.
Ihre Eigner erklärten schließlich den Bankrott und im August 1978 musste sie die Schmach
über sich ergehen lassen,
festgesetzt und an den höchsten Bieter versteigert zu werden ...
ITALIS - AMERICAN STAR (1978 - 1994)
Unglaublicherweise wurde Chandris wieder ihr nächster Eigner,
wobei sie für ihren Rückkauf mehrere Millionen Dollar weniger zahlen mussten,
als sie gerade ein Jahr zuvor erhalten hatten.
Sie lief zurück nach
Griechenland, wurde renoviert und in ITALIS umbenannt; ihr vorderer "Dummy"-Schlot
wurde in Teilen entfernt. Seitens Chandris wurde behauptet, der Schlot sei
verrostet und gefährlich, aber es wird vermutet, dass er entfernt wurde, um sie eher wie zeitgenössische Kreuzfahrtschiffe
erscheinen zu lassen, die nur noch über einen Schornstein verfügten.
Da aber im Sockel des vorderen "Schornsteins" der
Diesel-Notgenerator des Schiffes untergebracht war, wurde der dort belassen und
und es entstand auf diese Weise ein merkwürdig aussehender und geformter Raum.
Chandris verschlimmerte das Ganze noch dadurch, dass die Dampfsirene des
vorderen Schornsteins, die früher ganz oben angebracht war, in exponierter
Stellung auf der Oberseite des Stumpfes montiert wurde.
Als "The Italian Lady" machte sie einige Charterkreuzfahrten im
Mittelmeer, war aber anscheinend nicht profitabel genug. Im Herbst 1979
ließ Chandris den Maschinentelegrafen ein letztes Mal "Maschine Stopp"
durchgeben. 15 Jahre lang verkümmerte sie danach vor Anker im Hafen von Piräus, umgeben
von anderen früheren Fahrgastschiffen, deren ertragreiche Jahre ebenfalls vorbei waren ...
Ihre Besitzer wechselten noch drei weitere Male, während sie vor Anker lag, was
sich hinzog. Die ITALIS wurde zuerst in NOGA, dann in ALFERDOSS umbenannt. Aber sie
fuhr niemals unter irgend einem dieser Namen. Über Jahre hinweg kursierende Gerüchte
über neue Chancen für das Schiff oder aber zu seiner Verschrottung
erfüllten sich nicht.
Dann plötzlich, Ende des Jahres 1992, schien sich die Zukunft des Schiffes noch
einmal glänzend zu entwickeln: Es wurde von einer thailändischen Firma erworben,
die ehrgeizige Pläne hatte, sie aufwändig zu renovieren und zum schwimmenden
Fünfsterne-Hotel zu machen. Man bewunderte
ihre ursprüngliche "all-american" Ausstattung und plante, diese beizubehalten.
Nachdem sie in AMERICAN STAR umbenannt und in ein Trockendock verlegt worden
war, ergab eine intensive Kontrolle des Rumpfes, dass sie noch in einem Zustand war,
der es erlaubte, sie über die offene See nach Thailand zu bringen.
Am Weihnachtsabend des Jahres 1993 verließ sie Piräus für eine
Mission, die als 100-tägiges Schleppmanöver geplant war.
Aber in Höhe der Kanarischen Inseln verschlechterte sich das Wetter
erheblich und schließlich riss die Schleppleine: Nach verschiedenen erfolglosen
Versuchen, die Kontrolle über den dahin treibenden, vom Wind gelenkten und
steuerlosen Schiffsrumpf zurück zu gewinnen, endete ihre Existenz schließlich am
18. Januar 1994, als sie vor der Westküste von Fuerteventura hart auf Grund lief ...
Als sie auf dem abgelegenen, felsigen Ufer festsaß und dem Sturm sowie der
tobenden See ausgesetzt war, brach ihr Heck innerhalb von 48 Stunden, fast genau
mittschiffs. Während sie zum Totalverlust erklärt wurde, entfernten Einheimische willkürlich alle
Einrichtungen von Wert - Geländer und Deckbeplankungen aus Teakholz, ihre unersetzlichen
Kunstgegenstände und ihr Mobiliar. Schließlich brach ihr Heck, es rollte zur Seite
und sank in tieferes Wasser.
Nach nun mehr als zwölf Jahren der Verwahrlosung und Zerstörung, während der sie
den Naturgewalten ausgesetzt war, sind Anfang des Jahres 2006 immer noch
erkennbare Teile dieser einst stolzen Königin der amerikanischen Handelsmarine
vorhanden und trotzen nach wie vor den Elementen. Langsam aber sicher zerfällt
sie weiter und das, was von ihr übrig blieb, wird schließlich von der
erbarmungslosen See eingefordert. Die Königin ist tot ...
Die
AMERICA in der Erinnerung
Noch lange, nachdem sich mit ihrer Erscheinung nur noch ein fernes und
schwächer werdendes Bild verbindet, bleiben dagegen kostbare Erinnerungen
bestehen. In Museen, in
privaten Sammlungen, aber vor allem im Herzen Hunderter von Schiffsbauer,
Tausender Mannschaftsangehöriger zu Kriegs- und Friedenszeiten und der gut über
einer Million von Passagieren, die sie in ihren glücklicheren Tagen kannten ...
Sie waren es, die sie zum Leben erweckten und im Gegenzug war es die AMERICA - oder die WEST POINT - oder
die AUSTRALIS, die auf so viele Weisen auch deren Leben für immer veränderte ...
Über den Autor
In Sichtweite ihrer Werft und damit der "Wiege" der
AMERICA geboren, war Bill Lee im Jahre 1939 im zarten Alter von drei
Jahren bereits bei den Feierlichkeiten anlässlich ihres Stapellaufs zugegen.
Dieser Einfluss - gemeinsam mit einer Kindheit, die mit vielen sicht- und
hörbaren Erinnerungen an die AMERICA wie auch die WEST POINT verbunden ist -
schufen die die Grundlage für seine praktisch
lebenslange Zuneigung für dieses Schiff.
Bill begann eine Ausbildung bei ihrem Erbauer im Jahre 1954, gerade rechtzeitig,
um ein Jahr später kurz auf der AMERICA zu arbeiten, als sie für Reparaturen in
die Werft kam. Bei einer ganzen Anzahl von Gelegenheiten war er an einem
Felsenkliff am Fluss dabei, als die AMERICA ein- oder auslief. Und er war dort auch 1964, als sie für
immer auslief - um eine neue Karriere als AUSTRALIS zu beginnen.
Nach einer Laufbahn in der Schiffsbautechnik und anderen Industrieunternehmen zog
sich Bill im Jahre 1998 zurück. Derzeit lebt er in Charlotte, North Carolina und
mag es, sich allgemein mit Schiffen zu beschäftigen und über sie zu schreiben - und über die AMERICA
natürlich insbesondere. Im Juni
2005 fand eine Aktion, die er über zwei Jahre initiiert und unterstützt hatte,
mit der
Widmung der Bibliothek der SS AMERICA an Bord des Kreuzfahrtschiffs PRIDE OF
AMERICA ihren Höhepunkt.
Er steht heute mit einer zunehmenden Zahl von Menschen - weltweit - in Verbindung,
die gleiche Interessen haben und ergänzt regelmäßig die weiter anwachsende
Sammlung von Andenken an die AMERICA. Eine ganze Anzahl weiterer Enthusiasten, oder
"Amerifans", wie Bill sie gerne nennt, betrachtet ihn als den
"inoffiziellen Historiker" dieses einst stolzen und schönen Schiffs.
Eine ganz besondere Gruppe ist ebenfalls dabei, und zwar die "USS WEST POINT Reunion
Association", die aus Besatzungsmitgliedern des Schiffes aus dem Zweiten
Weltkrieg besteht.
In Anerkennung seiner vielen Artikel, die Bill für
deren Newsletter und in anderen Veröffentlichungen geschrieben hat, erhielt er
im Jahr 2006 den Titel des "offiziellen Historikers" dieser
Gemeinschaft. Bei ihrer jährlichen Versammlung in 2007 honorierten die Männer
der WEST POINT darüber hinaus die Bemühungen von Bill, die Erinnerung an ihr
Schiff lebendig zu halten, indem sie ihn zum Ehrenmitglied der WEST POINT
Mannschaft ernannten. Es gibt keine größere Ehre für einen Amerifan ...
1. Nachtrag, April ´08: Webseite zur USS WEST POINT
Unter Beteiligung von Bill Lee und anderen entstand in der Zwischenzeit
eine Webseite zur USS WEST POINT. Sie enthält die Protokolle der
Veteranentreffen, etliche Beiträge von Bill zum Schiff und mehr:
www.usswestpoint.com.
2. Nachtrag, Dezember ´09: USS WEST POINT - In Memory ...

© 2007-2009 Text/Fotos Bill Lee, Deutsche Übersetzung: Explorer Magazin